Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

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I G (Ä) L
INTERESSENGEMEINSCHAFT (ÄLTERER) LANGSTRECKENLÄUFER
- Die Geschichte unseres Verbandes -

Eine Serie von Günter Scharf und Gusthelm Schläbitz

 

2. Teil: Die IG(Ä)L wird gegründet


Der erste Eintrag ins Vereinsregister erfolgte allerdings erst am 10. April 1970 beim Amtsgericht Bensberg. Laut diesem Eintrag bekleidete Dr. van Aaken das Amt des 1. Vorsitzenden, Meinrad Nägele war 2. Vorsitzender und Willi Haman fungierte als Geschäftsführer. Sein Wohnort war Bensberg, was den Eintrag der IGÄL in das Vereinsregister des dortigen Amtsgerichtes erklärt. Sicher ist: Bei der ersten Jahreshauptversammlung der IGÄL, die im Jahre 1965 zu Pfingsten in Humfeld/Lippe stattfand, hatte die IGÄL - wie einer Pressenotiz zu entnehmen ist - 103 Mitglieder und 300 Abnehmer der Rundbriefe. Mit den Rundbriefen, so stellen wir fest, gewinnt die IGL-Arbeit an Fahrt. Schon im dritten Rundbrief wird die Satzung der IGÄL veröffentlicht und im vierten (01.10.65) geht es zur Sache: Die Altersgrenzen im Sport werden thematisiert, und so arbeiten die IGÄLer der ersten Stunde daran, ihre Ziele zu erreichen:

  • Lange und langsam laufen bis ins hohe Alter,
  • die Bereitschaft, Ausdauersport zu treiben, auch bei anderen zu wecken,
  • die Veranstalter zu beeinflussen, die Altersklassenwertungen (damals noch 10-Jahres-Rhythmus) generell in ihre Wettkampfprogramme aufzunehmen.

In dieser Zeit finden die Leistungen ältere Langstreckenläufer nunmehr in den Medien zunehmend Beachtung. Die "Älteren" werden zum Thema und Slogans dieser Art zu Schlagzeilen:

  • Alter schützt vor Leistung nicht,
  • 20 Jahre vierzig sein,
  • auch das Alter hat eine Zukunft.

Auch die Medizin entdeckt die "Älteren". Die Gerontologie, Wissenschaft vom Alter und vom Altern, wird durch die Impulse aus dem Seniorensport nach einem Nischendasein zu einer aufblühenden Forschungsdisziplin. Hier nun tritt Arthur Lambert in die IGÄL-Geschichte ein. Als ehemaliger Reichstrainer, nach dem Krieg bis in die 60er Jahre noch Bundestrainer, war er den Lang- und Mittelstrecklern in Deutschland schon lange ein Begriff als:

  • Begründer der Wittenberger Laufschule (deren Trainingsmethodik mit den Vorstellungen des Dr. van Aaken fast identisch war),
  • Entdecker und Förderer von Talenten,
  • Meistertrainer und Meistermacher.

Fast alle seine Schützlinge waren Rekordhalter, deutsche Meister, Olympiateilnehmer und sogar Medaillengewinner. Nun begann Lambert, nach langer Unterbrechung (1934) und quasi am Ende seiner Trainerlaufbahn, selbst wieder aktiv zu laufen und ließ die Welt aufhorchen: Seine athletischen Leistungen waren bis zu diesem Zeitpunkt für einen 70jährigen unvorstellbar, bestätigten aber van Aakens These und motivierten ungezählte Menschen, es nun selbst mit dem Laufen zu versuchen. Für die Gerontologen wurde der "laufende Methusalem" (mit 75 Jahren 47:50 Minuten über 10 km, mit 79 Jahren 3:52:30 Stunden über die Marathondistanz) zum Forschunsgparadigma. Dr. van Aaken bescheinigte ihm nach eingehender Untersuchung die Konstitution eines Jünglings, nachdem er schon in einem persönlichen Brief (29.11.66) die Leistung des damals 75jährigen gewürdigt hatte.

So wurde Arthur Lambert, der nach den Aufzeichnungen von Willi Haman 1966 in die IGÄL eintrat, mehr und mehr von der Interessengemeinschaft vereinnahmt, obwohl er in dieser Zeit seinem Barmer TV und den Läuferinnen und Läufern auf der Ohligser Heide (Solingen) näher stand.
Die IGÄL nahm derweil zu an Mitgliedern und Lesern der Rundbriefe, die es bis 1969 auf zwanzig Ausgaben brachte. In der zwanzigsten Ausgabe beginnt Ernst van Aaken seinen Feldzug für den Langstreckenlauf der Frauen mit dem Artikel "Sind Frauen wirklich nur ein schwaches Geschlecht?" Er weist darin auf die "Organkraft" der Frauen hin und stellt die These auf, dass das weibliche Geschlecht an Ausdauer-Veranlagung dem männlichen allemal gewachsen, wenn nicht sogar überlegen ist.
Die Resonanz der Fachwelt war - wie immer bei seinen Veröffentlichungen - zurückhaltend bis abwehrend, was unter anderem an dem streitlustigen Stil des Autors lag, aber auch an seinem keinerlei Widerspruch duldenden Diskussionsstil. Seine häufig raubautzige Argumentationsführung gegen Kritik und Einwände seiner Kollegen machte es ihm dabei nicht leichter, seinen Thesen in der Fachwelt Gehör zu verschaffen.

Zu unserer Geschichte gehört auch ein Blick auf die Nachbarn, in deren Länder der Langstreckenlauf unter den "älteren" Sportlern mehr und mehr Anhänger gewann. Es gab internationale Kontakte, die später zur Gründung der WIGÄL (Weltinteressengemeinschaft der Älteren Langstreckenläufer) führten. 1968 wurden in Baarn/NL die ersten Weltbestenkämpfe der über 40jährigen organisiert (Jan van Ginkel). 1969 richtete Willi Haman das nächste internationale Treffen in Bensberg (bei Köln) aus und 1970 veranstalteten die Schweden (Olle Wallin) den Wettkampf in Skövde. Der WIGÄL, ihrem Aufstieg und ihrem Ende, werden wir ein eigenes Kapitel widmen.

Zurück zur IGÄL: 1970 tritt Dr. van Aaken nach einem heftigen Streit mit Meinrad Nägele als Vorsitzender der IGÄL zurück. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Vermutlich waren Organisations- und Verwaltungsfragen nicht sein Interesse. Vielleicht schien ihm auch der Apparat der IGÄL zu schwerfällig oder weniger geeignet seine Anliegen wirkungsvoll zu vertreten, als am Anfang gedacht. Auf Bitten von Meinrad Nägele übernimmt Arthur Lambert das Amt des IGÄL-Vorsitzenden, zunächst kommissarisch, um dann bei der Jahreshauptversammlung am 17.10.1970 in Mülheim/Ruhr einstimmig zum 1. Vorsitzenden gewählt zu werden. Bei den Vorstandswahlen war Dr. Ernst van Aaken anwesend. Als das Wahlergebnis feststand, ging Arthur Lambert zwischen die Versammelten und holte Ernst van Aaken mit an den Vorstandstisch, wohl um deutlich zu machen, dass dieser Mann in der Welt des Langstreckenlaufs einen hohen Stellenwert hat. Diese Episode beschreibt Arthur Lambert besser, als viele Zeitungsartikel: Fair, feinfühlig, den Konsens suchend. Nach dieser Wahl gehören dem geschäftsführenden Vorstand an: Arthur Lambert, 1. Vorsitzender, Meinrad Nägele, stellv. Vorsitzender und Willi Haman, Geschäftsführer. Einen Monat zuvor war Arthur Lambert im 79. Lebensjahr seinen ersten Marathon gelaufen (siehe oben). Die Fachwelt stand kopf und die IGÄL hatte den "sportlichsten Opa der Welt" zum Vorsitzenden. Da stand die Verkörperung des IGÄL-Ideals leibhaftig als ihr Repräsentant an der Spitze: Lange langsam laufen bis ins hohe Alter!

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