Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

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I G (Ä) L
INTERESSENGEMEINSCHAFT (ÄLTERER) LANGSTRECKENLÄUFER
- Die Geschichte unseres Verbandes -

Eine Serie von Günter Scharf und Gusthelm Schläbitz

 

3. Teil: Die Ära Arthur Lambert 1970 - 1979
(Teil I: von 1970 - 1972)

Die Jahre, in denen Arthur Lambert Vorsitzender der IGÄL war, sind - national wie international - mit Abstand die erfolgreichsten unseres Verbandes. Unser Signum, das mathematische Unendlichzeichen (von Ernst van Aaken als IGL-Symbol eingeführt), war auf den Trainingsanzügen von mehr und mehr Läuferinnen und Läufern zu sehen. Man hörte des öfteren sagen, dass es da eine Interessengemeinschaft gäbe, die ein Sammelbecken für die über 40jährigen Langstreckenläufer sei, und dass es dort die besten Informationen über Wettkämpfe, Trainingsmethoden, Ernährung, kurz: alles Wissenswerte über den Langstreckenlauf zu erfahren gäbe. Bei einem Volkslauf in der Nähe von Oldenburg sprach ich einen Träger des Unendlichkeitszeichen an, der mir erklärte, dass die Geschäftsstelle der IGÄL in Bensberg bei Köln zu finden sei und so landete ich bei Willi Haman und dann in der IGÄL (1970).

Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts nahm die Volkslaufbewegung einen rasanten Aufschwung und die ersten Seniorensportfeste wurden - auch als Stadionwettbewerbe - organisiert. Man brauchte kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass die Langstreckenläufer/Innen mit ihrer immer stärker aufflammenden Begeisterung die Springer, Sprinter und Athleten der technischen Disziplinen mitreißen würden. In den USA hatten die Senioren schon Ende der 60er Jahre begonnen, reguläre Meisterschaften für 40- bis 85jährige zu organisieren. Dabei wendeten sie bereits die 5jahres-Altersklassen-Einteilung an, die auch die IGÄL bei ihren eigenen Veranstaltungen praktizierte. Arthur Lambert, den der Deutsche Leichtathletik-Verband mit dem goldenen Ehrenring für seine erfolgreiche Trainertätigkeit ausgezeichnet hatte, lief im September 1970 als 79jähriger seinen ersten Marathon in 3:52:30 Stunden. Diese sensationelle Leistung brachte Arthur Lambert in die Schlagzeilen und die IGÄL ins Gespräch. Die Zahl der Mitglieder wurde laufend größer. Ebenfalls 1970 wurde aus den IGÄL-Rundbriefen die condition, wobei noch nicht feststellbar war, wer dem IGÄL-Magazin den besten aller möglichen Namen gab. Gesichert ist, dass Dr. van Aaken und Meinrad Nägele die Verantwortlichen waren, wissenschaftlich unterstützt und beraten von Professor Dr. Gerd Uhlenbruck, Immunbiologe an der Universität Köln, der zur ersten Ausgabe der condition eine umfassende Arbeit beisteuerte. Unter dem Titel "Liebe laufen lernen, lerne laufen lieben" erläutere er die Trainingseffekte der Ausdauersportarten gegenüber denen der Sprint/Sprung/Stoß- und Wurfdisziplinen. Nicht nur die Läufer begannen die einzelnen Disziplinen nun, auch mit den Augen des Nutzeffektes zu sehen. In Skövde/Schweden fanden die 3. IGÄL-Bestenkämpfe statt und in Refrath bei Köln organisierte Willi Haman - nach meinem Wissen - die erste Winterlauf-Serie (10-, 15- und 20 km). Als Geschäftsführer der IGÄL lud er die IGÄL-Mitglieder dazu ein, als Leichtathletikobmann des TV Refrath kann man ihn als spiritus rector dieser sich schnell großer Beliebtheit erfreuender Veranstaltung ansehen.

1971 ist die condition schon begehrter Lesestoff für Langstreckenlauf-Insider. In Karlovy Vary (Karlsbad/CSSR) veranstalten Dr. Hlavicka und Josef Moc die 4. IGÄL-Weltbestenkämpfe, und Arthur Lambert wird von den Delegierten der Welt-IGÄL-Versammlung zum Präsidenten gewählt. Sein Vize wird Jacques Serruys aus Belgien. Die offiziellen Sportverbände (DSB/DLV), darunter das Kuratorium Deutsche Altershilfe, nehmen mehr und mehr Anteil an der Breiten- und Alterssportbewegung: "Sport kennt kein Alter", kann man jetzt guten Gewissens postulieren und die Parole "Trimm Dich durch Sport", hört und liest man allerorten. Zu Ehren des 80. Geburtstages von AL wird der Drei-Städte-Lauf Remscheid - Solingen - Wuppertal veranstaltet und kein geringerer als "Big Willy" Weyer, Innenminister Nordrhein-Westfalens und DSB-Präsident übernahm die Schirmherrschaft.

Auftrieb gab der Laufbewegung aber auch die Entdeckung der Gemeinschaft im Geiste des Langstreckenlaufs. War auch "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" schon Literatur und Buchtitel geworden, so war es doch wohltuend zu erfahren, dass diese spezielle Einsamkeit keineswegs Isolation bedeuten musste, sondern zu einem beglückenden Gemeinschaftserlebnis werden konnte, wenn man es denn wollte und es zuließ.

1972 ist Arthur Lambert wieder Mittelpunkt einiger Publikationen. M. Nägele schreibt in der condition (Februar-Ausgabe) "Arthur Lambert - Nestor der deutschen Langstreckenläufer und -trainer", und A. Metzner formuliert: "Ein jugendlicher Methusalem - mit 40 erfand er das moderne Ausdauertraining, mit 80 glänzt er noch als Altersläufer". Aus M. Steffnys Feder stammt der Beitrag: "Mit 80 hat man noch Träume - Arthur Lambert läuft und läuft". Der so beschriebene berichtet: "Mein erster Marathonlauf - wird es auch mein letzter gewesen sein?" Weitere wichtige Daten des Jahres 1972: Im Schwarzwald findet der erste Marathonlauf mit Frauenbeteiligung statt, wenn auch noch inoffiziell; aber van Aakens Bemühungen um den Frauenlauf beginnen Früchte zu tragen. In München finden die XX. Olympischen Sommerspiele statt, bei denen die Welt des Sports auf brutalste Weise mit dem Terrorismus konfrontiert wird, der bis heute für gewaltbereite Fundamentalisten jeglicher Couleur politisches Stil- und Ausdrucksmittel ist. Doch wie heißt es in der griechischen Mythologie: "Wer den olympischen Frieden bricht, wird auf ewig dem Zorn der Götter ausgesetzt sein". Im September organisiert Willi Haman in Bensberg bei Köln die 5. IGÄL-Weltbestenkämpfe, bei denen der Co-Autor seinen ersten Marathonlauf absolvierte. Im Oktober bricht van Aaken zu einer Vortragsreise durch Japan auf. In Fukuoka, Osaka und Nagoya spricht er zu einem wissbegierigen und aufgeschlossenem Publikum über seine Theorien, Visionen und Erfahrungen. Am 10. November 1973 trifft ihn ein grausamer Schicksalsschlag: Beim abendlichen Trainingslauf erfasst ihn ein Auto. Ernst van Aaken verliert beide Beine und ist an den Rollstuhl gefesselt. Er lässt sich über seinem Bett in der Klinik ein Reck anbringen und übt schon nach einigen Tagen - die Wunden sind noch nicht verheilt - Klimmzüge und Rolle rückwärts. Nicht aufgeben, Zähne zusammenbeißen und vorwärts! Es ist seine gnadenlose Therapie.

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